Atemarbeit wird oft als schneller Weg zu mehr Ruhe dargestellt. In Wirklichkeit können Atemübungen – je nach Methode, Tempo und Person – beruhigend oder aktivierend wirken und Empfindungen sogar verstärken.

Für die Regulation ist ein sanfter Ansatz meist hilfreicher als intensive Atemtechniken. Es geht nicht darum, jedes Gefühl zu kontrollieren, sondern mehr innere Stabilität und Handlungsspielraum zu schaffen.

Was Regulation des Nervensystems in diesem Zusammenhang bedeutet

Regulation bedeutet, auf wechselnde Anforderungen reagieren und anschließend wieder in einen ausgeglichenen Zustand zurückfinden zu können. Manchmal bedeutet das, zur Ruhe zu kommen. In anderen Momenten geht es darum, wieder genügend Energie zu finden, um aus einem Gefühl von Erschöpfung oder innerem Rückzug herauszukommen.

Eine Atemübung ist dabei nur eine von vielen Möglichkeiten. Bewegung, bewusste Sinneswahrnehmung, soziale Verbindung, Erholung und ein Gefühl von Sicherheit im Alltag können ebenso wichtig sein.

Eine einfache Übung zur Regulation

  • Lass deine Augen geöffnet und nimm eine bequeme Position ein.
  • Beobachte deinen natürlichen Atem für drei Atemzüge, ohne ihn zu verändern.
  • „Wenn es sich angenehm anfühlt, atme sanft ein und lass die Ausatmung etwas langsamer fließen.
  • „Fahre etwa eine Minute fort. Mach anschließend eine Pause und spüre nach: Fühlst du dich ruhiger, unverändert oder angespannter?
  • Fahre nur fort, solange sich die Übung für dich unterstützend und angenehm anfühlt.

Warum intensivere Atemtechniken nicht immer zur Regulation beitragen

Schnelle, kraftvolle oder lang anhaltende Atemtechniken können die Körperempfindungen deutlich verändern und Schwindel, Kribbeln oder starke Emotionen auslösen. Manche Menschen suchen diese Effekte bewusst – doch Intensität sollte nicht mit Heilung oder Sicherheit gleichgesetzt werden.

Wenn du Atemwegs- oder Herz-Kreislauf-Erkrankungen hast, schwanger bist, unter Panikattacken oder einer Anfallserkrankung leidest oder dir unsicher bist, ob eine bestimmte Atemtechnik für dich geeignet ist, solltest du vor intensiver Atemarbeit individuellen medizinischen Rat einholen.

Wann ein anderer Ansatz sinnvoller ist

Wenn es sich unangenehm oder einengend anfühlt, dich auf deinen Atem zu konzentrieren, probiere einen anderen Ansatz: Lass deinen Blick durch den Raum wandern, spüre bewusst deine Füße auf dem Boden, gehe langsam ein paar Schritte oder sprich mit einer vertrauten Person. Regulation ist individuell – die Übung sollte sich an dich anpassen, nicht umgekehrt.

Wann zusätzliche Unterstützung hilfreich sein kann

Suche dir Unterstützung, wenn die innere Anspannung häufig oder sehr intensiv auftritt, du nur schwer wieder zur Ruhe findest oder selbstständig durchgeführte Übungen Panik, Flashbacks oder ein Gefühl der Abgetrenntheit verstärken. Eine qualifizierte Begleitung kann dir helfen, behutsamer vorzugehen und einzuschätzen, wann zusätzliche medizinische oder psychologische Unterstützung sinnvoll ist.

Atemarbeit ist nicht gleich Atemarbeit

Der Begriff Atemarbeit umfasst sehr unterschiedliche Praktiken – von ruhiger, bewusst geführter Atmung über schnelle Atemzyklen und längeres Luftanhalten bis hin zu emotional intensiven Gruppensitzungen. Ihre Wirkungen und möglichen Risiken lassen sich daher nicht miteinander gleichsetzen. Erkenntnisse zur Wirkung langsamer Atemübungen können nicht automatisch auf jede Methode übertragen werden, die als Breathwork angeboten wird.

Für die Regulation im Alltag ist eine sanfte Übung, die du regelmäßig wiederholen kannst, meist hilfreicher als das Streben nach einer intensiven Erfahrung oder emotionalen Entladung. Entscheidend ist, dass du dich währenddessen wohl und präsent fühlst, deine Hautfarbe normal bleibt und du problemlos sprechen kannst – nicht, eine bestimmte Anzahl an Atemzügen oder Sekunden zu erreichen.

Die Übung sollte zur Person und zum jeweiligen Moment passen

Eine längere Ausatmung kann auf eine Person beruhigend wirken, während sie bei einer anderen das Gefühl auslöst, nicht genug Luft zu bekommen. Geschlossene Augen können helfen, äußere Reize zu reduzieren – oder ein Gefühl von Unsicherheit verstärken. Zählen kann Orientierung geben, sich aber auch wie eine weitere Anforderung anfühlen. Regulation liegt nicht in der Technik selbst. Entscheidend ist, dass sie dir dabei hilft, genügend innere Stabilität und Handlungsspielraum zu finden, um bewusst auf den gegenwärtigen Moment reagieren zu können.

Beginne mit ein bis zwei Minuten und nimm dir danach einen Moment, um zu spüren, wie es dir damit geht – mehr ist nicht automatisch besser. Wenn du merkst, dass sich deine Beschwerden durch die Übung wiederholt verstärken, probiere stattdessen etwas, das dich im Hier und Jetzt verankert, zum Beispiel einen Spaziergang, beruhigende Geräusche oder ein Gespräch mit einer vertrauten Person. Besprich anhaltende Reaktionen mit einer entsprechend qualifizierten Fachperson.

Quellen & weiterführende Literatur